Hypnose: Mythos oder moderne Therapie





      "Glaube kann zwar nicht Berge versetzen, aber Berge dorthin setzen wo gar keine sind."

      Friedrich Nietzsche







      Einführung

      Hypnose ist ein Begriff, zu dem jede und jeder in irgendeiner Weise schon bestimmte Vorstellungen hat - Vorstellungen darüber, was Hypnose ist, was mit ihr möglich ist und was nicht.
      Diese Vorstellungen mögen das Resultat eines ernsthaften Studiums und einer fundierten Ausbildung mit Selbsterfahrung sein. Vielleicht beruhen sie aber auch nur auf der Lektüre eines Kriminalromans, in dem jemand unter Hypnose ein Verbrechen begangen hat, oder der Beobachtung einer so genannten Bühnenhypnose, bei der scheinbar wahllos Personen aus dem Publikum auf die Bühne geholt wurden, um dann vor den Augen der staunenden Zuschauer Dinge zu tun, die die angebliche Macht des Hypnotiseurs über seine "Versuchspersonen" demonstrieren. Mag auch sein, dass Sie von jemandem gehört haben, der in den Genuss der heilenden Wirkung einer Hypnotherapie gekommen ist. Wann immer ich im Gespräch auf das Thema "Hypnose" angesprochen werde, zeigt sich, dass das Spektrum der Vorstellungen darüber, was Hypnose ist und mit ihr möglich ist, sehr breit gefächert ist. Die einen halten sie schlichtweg für Humbug, die anderen für ein Zaubermittel schlechthin.
      Was ist Hypnose? Dieser Frage will ich in diesem kurzen Artikel nachgehen und ein paar Antworten liefern.

      Geschichte der Hypnose

      Die frühesten schriftlichen Zeugnisse menschlicher Kulturen lassen erkennen, dass es das Phänomen Hypnose zu allen Zeiten in allen Kulturen der Menschheit gegeben hat. - natürlich nicht unter diesem Namen und nicht immer in dieser Form, wie sie heute praktiziert wird, aber in ihrem wesentlichen Kern. Es lassen sich in der Geschichte der Hypnose fünf verschiedene Phasen unterscheiden, wobei die Bedeutung der Hypnose eine interessante Wandlung erfahren hat.


      Phase 1: Hypnose dient dem Kontakt mit spirituellen und mystischen Kräften und Göttern

      Alte hinduistische Meditationspraktiken der Fakire und Yogis: Beginn vor circa 4000 Jahren auch im antiken Griechenland. Tempelschlaf im Asklepius-Kult: Diese Kulte dienten neben der Heilung hellseherischen Zwecken. Keltische Druiden verwendeten reimende Gesänge, um Medien in einen Schlaf mit hellseherischen Träumen zu versetzen. Die Hypnose wird gesehen als das Ergebnis der Einwirkung einer magischen Kraft von außen.

      Phase 2: Hypnose wird als natürliche Kraft gedeutet

      Diese Phase beginnt vor ca 260 Jahren und ist stark mit dem Namen Franz Anton Mesmer verbunden. (Daher das englische Wort, das im Alltag für "hypnotisieren" verwendet wird: to mesmerize). Mesmer erklärte sich hypnotische Phänomene bzw. hypnotische Trance-Zustände als das Ergebnis eines sogenannten animalischen Magnetismus (Magnetismus animalis).

      Phase 3: Hypnose wird als abnormes Phänomen betrachtet

      Hypnose wird als abnormes Phänomen betrachtet, das seine Ursache innerhalb des hypnotisierten Individuums hat. In den ersten beiden Phasen wurde die Kraft - ob natürlich oder spirituell - immer noch außerhalb des Menschen lokalisiert. Ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts (also vor etwas mehr als 200 Jahren) wird die Hypnose in der Medizin erfolgreich bei Operationen zur Schmerzbewältigung eingesetzt. Zum Beispiel berichtet der schottische Arzt Esdaile von über 300 Amputationen, bei denen er erfolgreich die Hypnose zur Schmerzlinderung einsetzte. Der Einsatz der Hypnose zu diesen Zwecken verlor in dem Masse an Bedeutung, in dem moderne Betäubungsmittel wie Lachgas, Äther und Chloroform Mitte des vorigen Jahrhunderts in die Medizin eingeführt wurden.
      Übrigens wurde der Begriff der Hypnose von dem Engländer James Braid geprägt und leitet sich aus dem griechischen Wort "hypnos" für Schlaf ab. Hypnose wird in dieser Zeit als eine Art besonderer Schlafzustand gedeutet, der durch die Monotonie einer Fixation (z.B. Starren auf ein schwingendes Pendel) herbeigeführt wird.

      Phase 4: Hypnose ist ein normales psychologisches Phänomen als Folge von Suggestionen

      Hypnose wird als ein normales psychologisches Phänomen betrachtet, das auf Suggestionen beruht. Vor ca. 100 Jahren beginnt man, Hypnose als ein innerpsychisches Phänomen zu interpretieren, bei dem das Individuum nicht aufgrund der Einwirkung einer äußeren Kraft in einen besonderen Bewusstseinszustand verfällt, sondern weil sich die Person auf Suggestionen des Hypnotiseurs einlässt. Die verwendeten Verfahren sind in der Regel ritualisiert. Entsprechend wirken sie nicht bei allen Menschen gleichermaßen, da individuell geprägte Menschen auf ein Standardverfahren unterschiedlich reagieren.


      Phase 5: Hypnose ist ein normales psychologisches Phänomen, das jeder erleben kann

      Moderne Hypnose wird als ein normales psychologisches Phänomen betrachtet, das jeder Mensch ganz individuell erreichen und erleben kann. Diese Auffassung wird vor allem durch den amerikanischen Hypnotherapeuten Milton Erickson vertreten, der die moderne Hypnose und Hypnotherapie wesentlich entwickelt und nachhaltig geprägt hat. Er kann ohne Übertreibung als der Vater der modernen Hypnotherapie bezeichnet werden. Diese Phase begann vor circa 80 Jahren und dauert bis heute an.



      Was versteht man eigentlich unter Hypnose?

      Bei der Hypnose geht es darum, die Aufmerksamkeit weg von der Außenwelt und hin zu innerem Erleben zu verlagern. Dies gelingt um so mehr, je mehr der Hypnotisand - also die Person, die sich hypnotisieren lässt, mit Vertrauen auf den Hypnotiseur ihm die Außenkontrolle der Umwelt überlässt um sich ganz dem inneren Erleben zuzuwenden.
      Das heißt aber nicht, dass die Person keine Möglichkeit hätte, sich der Außenwelt wieder zuzuwenden - zum Beispiel wenn etwas bedrohliches geschehen sollte.
      Mit anderen Worten: das Bewusstsein des Patienten wird bei der Hypnose dazu eingeladen, seine aktive, kontrollierende und steuernde Funktion aufzugeben und sich auf eine eher passive Zuschauerrolle zu beschränken. Das bedeutet, dass das Bewusstsein in den Hintergrund tritt und Platz macht für die Entwicklung und Bewusstwerdung unbewusster Prozesse, - mögen dies Bilder, Erinnerungen oder körperliche Empfindungen und Vorgänge (zum Beispiel automatisches Schreiben) sein.

      Hypnose ist also ein Bewusstseinszustand, in dem ich mich zunehmend intensiv und ausschließlich auf innere Erlebnisse wie z. B. Körperempfindungen, Erinnerungen, Träume, Phantasien und Erfahrungen einlasse, während der Hypnotiseur für mich die Kontrolle über die Außenwelt übernimmt.
      Wichtig ist, dass die Hypnose nicht als Mittel verwendet wird, um Symptome einfach wegzuhypnotisieren. Vielmehr kann die Hypnose als veränderter Bewusstseinszustand verstanden werden, der es ermöglicht, jenseits der Beschränktheit des Alltagsbewusstseins neue und kreative Lösungen für innerpsychische Konflikte zu finden, die besser als das bisherige Symptom dem Wohlbefinden des Klienten dienen.

      Die Möglichkeiten beschränken sich jedoch nicht auf die Linderung oder Heilung psychischer Leiden. Vielmehr kann sie auch im Sinne der Persönlichkeitsentfaltung neue Zugänge zur eigenen Inspiration und schöpferischen Kraft schaffen.

      Hypnotische Phänomene

      Ich gehe nun auf die wichtigsten hypnotischen Phänomene ein. Es ist wichtig, hier zwischen den Phänomenen zu unterscheiden, die sich ja nach Tiefe der Trance automatisch einstellen und Phänomenen, die suggeriert werden können.

      Rapport

      Zunächst findet, wie schon erwähnt, eine Intensivierung und Einengung der Aufmerksamkeit statt - in der Regel auf innere Bilder, Wahrnehmungen und Empfindungen. Gleichzeitig begrenzt sich die Aufmerksamkeit des Hypnotisanden auf die Stimme des Hypnotiseurs. Die hypnotisierte Person ist im tiefen hypnotischen Zustand nicht mehr für andere ansprechbar, sie reagiert einfach nicht. Bildlich gesprochen bleibt nur ein kleines Fenster zur Außenwelt offen. Allerdings kann der Hypnotiseur mit einer entsprechenden Suggestion Kontakt mit anderen ermöglichen, zum Beispiel "Frau Soundso wird jetzt gleich mit Ihnen sprechen und es wird Ihnen möglich sein, Ihr auf ein paar Fragen zu antworten".

      Dieser Rapport, d. h. diese besondere Verbindung ist sehr wichtig, da ohne sie die Steuerbarkeit des hypnotischen Erlebens durch den Hypnotiseur und somit die Empfänglichkeit für Suggestionen nicht mehr gegeben wäre. Im Bild gesprochen: der Rapport hat die Funktion einer Nabelschnur. Reißt der Kontakt allerdings ab - dann geht der hypnotische Zustand in natürlichen Schlaf über oder die Person "erwacht" einfach.
      Diese Verbindung kann als ein Zustand der besonderen Harmonie zwischen Hypnotiseur und Hypnotisand bezeichnet werden.

      In der Tat basiert die Fähigkeit, jemanden zu hypnotisieren, unter anderem darauf, sich ganz auf einen anderen Menschen, auf sein Erleben, Empfinden und Wahrnehmen der Welt einzustellen - ihn also dort abzuholen, wo er sich befindet. (Bandler und Grinder haben diesen ersten schritt in der Trance-Induktion "pacing" genannt).
      Erst wenn dies gelingt, kann der Hypnotiseur die vertrauensvolle Aufgabe übernehmen, durch Suggestionen das innere Erleben der zu hypnotisierenden Person zu steuern und ihre Trance zu vertiefen. (Bandler und Grinder haben diesen zweiten Schritt in der Trance-Induktion "leading" genannt).

      Gesteigerte Suggestibilität

      Unter Suggestibilität versteht man die Empfänglichkeit einer Person für Suggestionen.
      Je tiefer ein Mensch sich in einen Trancezustand begibt, desto empfänglicher wird er für Suggestionen. Wie kann man sich das erklären?

      Weiter oben habe ich den hypnotischen Bewusstseinszustand (= Trance) als einen Bewusstseinszustand beschrieben, bei dem die Kontrolle und der Kontakt zur Außenwelt zunehmend dem Hypnotiseur überlassen wird. Dies bedeutet, dass ich Vorstellungen, Bilder, und Gedanken nicht mehr anhand von Sinneswahrnehmungen, also Sinnesdaten von außen, korrigiere. Wenn mir der Hypnotiseur in solch einem Trance-Zustand einen rosa Elefanten suggeriert, übernehme ich nicht mehr den Realitäts-Check, da ich die Außenkontrolle für eine gewisse Zeit an den Hypnotiseur delegiert habe.
      Somit wird das angebotene Bild "rosa Elefant" Realität für mich. Erinnerungen können in weitaus größerer Schärfe hervortreten, weil sie nicht mehr mit Sinneswahrnehmungen der Außenwelt konkurrieren müssen, die im Alltag ständig unsere Aufmerksamkeit beanspruchen.

      Katalepsie

      Katalepsie bedeutet Muskelstarre. Dies ist ein Phänomen, das ebenfalls ohne besondere Suggestion auftritt. In der Regel geht mit dem Eintritt in eine Trance eine Erhöhung des Muskeltonus einher. Wir werden nicht total starr, aber die gesteigerte Spannung der Muskeln zeigt sich zum Beispiel daran, dass es möglich ist, den Arm des Hypnotisanden anzuheben und ihn in eine Position zu bringen, in der er wie von alleine und ohne ersichtliche Anstrengung schweben bleibt. Dieses Phänomen wird gerne genutzt, um ein Maß für die tiefe des Trance-Zustandes zu haben. So kann zum Beispiel bei Operationen, die unter Hypnose stattfinden, weil keine Medikamente zur Betäubung gegeben werden dürfen, überprüft werden, ob und wie tief sich der Patient noch in Trance befindet. Beginnt der Arm zu sinken, ist dies ein Zeichen dafür, dass der Patient im Begriff ist, aufzuwachen.


      Posthypnotische Suggestionen

      Während eine Person in Trance ist, ist es möglich, so genannte posthypnotische Suggestionen zu geben, das heißt, die Person erhält eine Suggestion, die sie erst nach dem Aufwachen aus der Hypnose ausführen soll - zum Beispiel einen Witz erzählen oder das Fenster schließen um es sogleich wieder zu öffnen. Häufig wird bei derlei Experimenten die Ausführung der posthypnotischen Suggestion an ein Signal gekoppelt. Beispiel: "Wenn ich mit dem Kugelschreiber dreimal auf den Tisch klopfe, werden Sie ?" Wenn solch ein posthypnotischer Auftrag ausgeführt wurde und die Person gefragt wird, warum sie dies jetzt getan hat, findet sie in der Regel irgendeine Erklärung, die plausibel erscheint, wird aber nicht sagen: "ich habe es getan, weil sie mir eine posthypnotische Suggestion gegeben haben". Statt dessen würde sie vielleicht sagen: "ach, ich stellte gerade fest, dass hier schlechte Luft ist, aber als ich das Fenster öffnete fand ich es doch zu kalt und so habe ich es wieder geschlossen.
      Dies mag uns der selbstkritischen Überlegung führen, ob unsere Erklärungen für unsere Handlungen im Alltag immer die tatsächlichen Gründe sind, für die wir sie halten, oder ob nicht in ähnlicher Weise ganz andere unbewusste Gründe dahinter stecken.


      Amnesie

      Amnesie bedeutet, dass es der Person nicht möglich ist, sich an Gesprochenes oder Erlebtes während des hypnotischen Zustandes zu erinnern. Die Stärke und Vollständigkeit der Amnesie - manchmal werden Bruchstücke erinnert - kann als Zeichen für die Tiefe der erlebten Trance gewertet werden. Das heißt, je tiefer die Trance desto stärker und vollständiger die Amnesie.


      Anwendungsgebiete


      Zu Beginn eine kleine Geschichte:

      Es kam zu einem alten und sehr weisen Yogi ein glühender Bewunderer, ein junger Schüler, der in die hohe Kunst des Yoga und der Kontrolle über den Körper eingeführt werden wollte, um eines Tages die ersehnte Erleuchtung zu erlangen: so kam er also eines Tages zu dem besagten alten und weisen Yogi und stellte ihm sogleich die erste Frage, die ihm schon lange auf den Lippen brannte: "Nun sage denn, oh altehrwürdiger Meister - kannst du denn auch im Yogasitz über dem Boden schweben?"
      Der Yogi schaute ihn freundlich an und sprach: "Ja natürlich - aber was bringt?s?"

      Diese Frage möchte ich hier bei der Diskussion der hypnotischen Phänomene und ihrem Nutzen ebenfalls stellen.

      Schon Friedrich Nietzsche hat gesagt: "Glaube kann zwar nicht Berge versetzen aber Berge dorthin setzen wo gar keine sind." Nach dem gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Forschung ist es zwar nicht möglich, ohne technische Hilfe über dem Boden zu schweben - auch nicht im tiefsten hypnotischen Zustand - aber es ist möglich, jemandem die Empfindung zu suggerieren, dass er über dem Boden schwebt.
      Was bringt es also, hypnotische Phänomene zu demonstrieren - wenn wir mal von dem kommerziellen Nutzen zweifelhafter Bühnenhypnosen absehen?

      1. die hypnotischen Phänomene "beweisen" allen Beteiligten, dass die hypnotisierte Person sich tatsächlich in einem hypnotischen Bewusstseinszustand befindet. Dies kann zum Beispiel nützlich sein, wenn der Arzt vor der Operation sicher sein muss, dass der Patient tatsächlich in einer tiefen Trance ist.
      2. die hypnotischen Phänomene unterstützen die therapeutische Arbeit, die während der Trance geleistet wird - und zwar dadurch, dass die hypnotisierte Person an sich selbst erlebt, dass automatische Prozesse ohne ihr eigenes Zutun stattfinden können. Milton Erickson nutzte beispielsweise gerne die Armlevitation (automatisches Heben der Hand und des Unterarms), um der zu hypnotisierenden Person zu demonstrieren, dass es unbewusste Prozesse geben kann, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Das bewusste Wahrnehmen unbewusster motorischer Prozesse führt in diesem Fall sehr häufig zu einer Vertiefung der Trance.






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