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Was ist Klärungshilfe?

 


"Nicht die Leichen im Keller sind das Problem, sondern dass alle so tun, als gäbe es keine."

Dirk Baecker, "Postheroisches Management"

 


Wenn Menschen mich um Klärungshilfe bitten, hegt mindestens eine Person den Wunsch, dass etwas klarer wird - in der Hoffnung, dass die Klärung die Zusammenarbeit verbessern oder überhaupt wieder ermöglichen wird. 

Es werden Antworten gesucht auf Fragen wie zum Beispiel:

  • Was hat dazu geführt, dass wir nicht mehr – oder nicht mehr so gut – wie früher zusammenarbeiten können? 

  • Was muss einmal in einem geschützten Rahmen angesprochen und geklärt werden, damit wir wieder eine reale Chance haben? 

  • Worin sind wir uns eigentlich noch einig, und worin nicht? Und können wir die Spannung, die sich aus den Uneinigkeiten ergibt, aushalten und sogar nutzen, um der Komplexität dessen, was wir mit unserem Projekt schaffen wollen, gerecht zu werden? Oder liegen wir so weit auseinander, dass eine Trennung die bessere Option ist? 

  • Was kann jede und jeder von uns dazu beitragen, damit die Interessen und Bedürfnisse aller Beteiligten mehr als bisher durch unser Handeln berücksichtigt werden? 

  • Wie können wir miteinander eine Kultur der Zusammenarbeit pflegen, in der wir respektvoll um die Sache ringen und unsere Verschiedenheiten nicht als Problem, sondern als Bereicherung erleben – und sie für die Qualität unserer Dienstleistungen oder Produkte nutzen können? 

Menschen bitten mich um Klärungshilfe, wenn sie aus eigenen Kräften nicht mehr zueinander finden, es jedoch mit professioneller Unterstützung noch schaffen wollen - sei es, weil ihnen die Fortführung ihrer bisherigen fruchtbaren (Arbeits-)Beziehung trotz allem noch am Herzen liegt, sei es, weil der endgültige Zusammenbruch ihrer Kooperationsfähigkeit einen zu grossen Preis für die vom gescheiterten Projekt Betroffenen bedeuten würde. 

In der Klärungshilfe geht es sehr schnell um die vermeintliche Wahrheit. Was ist wirklich vorgefallen? Wie ist es wirklich gewesen? Was sind Fakten und was nur Behauptungen? Wer wie ich Klärungshilfe bietet, sieht sich  unweigerlich mit der Frage konfrontiert: Was ist Wahrheit? Und wie kommen wir ihr auf die Spur? In der Logik und Mathematik können Aussagen schneller als wahr oder falsch bezeichnet werden: 2 + 2 = 4. Das ist wahr. 2 + 2 = 5. Das ist falsch. 

In der Klärungshilfe bin ich jedoch nicht mit dem mathematischen Wahrheitsbegriff konfrontiert, sondern mit Fragen wie zum Beispiel: Wurden hier Daten wissentlich beschönigt, um auf unlautere Weise vom Vorstand grünes Licht für die Fortführung des Projekts zu erhalten, oder handelt es sich um fachlich vertretbare Interpretationsspielräume, die unterschiedlich genutzt wurden? 

Im Zeitalter des systemischen Denkens und Handelns sind wir nicht auf der Suche nach der Wahrheit, sondern wollen Wirklichkeitskonstruktionen besprechbar machen, aus denen heraus Menschen denken, fühlen und handeln. Wir schaffen einen Raum, in dem es möglich wird, dass Menschen sich bewusst werden und einander erläutern können, wie sie Daten, Fakten, Ereignisse und Verhaltensweisen in unterschiedlichen Sinnzusammenhängen wahrnehmen und deuten. Gelingt in der gemeinsamen Reflexion die sorgfältige Differenzierung zwischen Beobachtetem und Erlebtem und dessen jeweiliger Deutung, ist dies häufig schon ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Klärung.

Wirklichkeit ist aus systemischer Sicht konstruiert. Sie ist das individuell und auch kollektiv gewobene Netz subjektiver Interpretationen von Sinneseindrücken. Unsere Wirklichkeitskonstruktion ist der Reim, den wir uns auf das machen, was uns widerfährt. Wir basteln uns ein Modell, mit dem wir uns erklären, warum etwas geschehen ist - und leiten daraus Erwartungen für die Zukunft ab.

Im Konfliktfall wird häufig deutlich, dass unsere Modelle nicht immer zusammenpassen und einander widersprechen. Wem die Verständigung wichtiger ist als die Deutungshoheit, dem hilft es, von unterschiedlichen Wirklichkeiten auszugehen  – und rechthaberische Kämpfe um die Wahrheit zu vermeiden. Diese Differenzierung ist kein Trick, um unüberbrückbare Differenzen mit harmonisierenden Begriffen weichzuspülen, sondern eine Brücke für einen notwendigen Perspektivwechsel: eine Einladung, den Blick der anderen einzunehmen – und bereit zu sein, voneinander zu lernen.

Es gibt einen weiteren Aspekt unserer Welterfahrung: Dieser Aspekt ist unsere emotionale Resonanz auf das, was uns widerfährt, wenn wir mit anderen Menschen zusammen arbeiten und leben. Sind in einem Konfliktfall erst einmal die Emotionen da (Wut, Ärger, Enttäuschung, Angst, Schadenfreude, Neid etc... ) bewegen sie die Konfliktpartner eventuell so stark, dass die rationale Sortierarbeit ("was ist die Wirklichkeit eines jeden, und wie erklärt das die jeweiligen Verhaltensweisen?") zunächst nicht stattfinden kann - zum Beispiel weil aufgrund erlebter Verletzungen Vertrauen erschüttert oder gar zerstört worden ist und sich die Konfliktpartner deshalb nicht mehr in der Lage sehen, an eine konstruktive Fortsetzung der (Arbeits-)beziehung zu glauben. In diesem Fall ist es häufig erst einmal unmöglich, das Geschehene aus der Warte des Konfliktpartners zu betrachten. Dann ist erst einmal etwas anderes notwendig. 

Und damit komme ich zu einer Frage, auf die jeder eine Antwort finden muss, der professionell Hilfestellung bei der Klärung von Konflikten zwischen zwei Personen oder im Team leisten will: Wie gehe ich mit aufgestauten Emotionen um - jenem Potential an teilweise enormer Energie, die je nach Veranlagung der beteiligten Personen bei Überdruck explodiert (Vorwürfe, Wutausbrüche, Intrigen, Türen knallen und mehr) oder implodiert (Selbstvorwürfe, Depressionen, Magengeschwür, Schuldgefühle, oder selbstschädigende Verhaltensweisen wie zum Beispiel die Entwicklung von Süchten)? 

Es geht hier um die Frage: Wie werde ich als Klärungshelfer den Emotionen der beteiligten Konfliktparteien gerecht? Wie berücksichtige ich sie und ermögliche den Beteiligten, wieder authentisch einander zu begegnen - so unangenehm dies auch erst einmal sein mag? Wie kann ein Neuanfang ermöglicht werden? 

Meine Erfahrung ist: Wahrheit bewegt und eröffnet neue Spielräume. Vorausgesetzt, es gelingt, dass sich alle Konfliktparteien den Emotionen und Sichtweisen stellen, die im Laufe eines Konfliktes entstanden sind. Wenn alles Wesentliche, das jedem auf dem Herzen lag, ausgesprochen und empathisch gehört worden ist, ist der Boden für einen Neuanfang bereitet. Ich spreche hier bewusst von einem Neuanfang und nicht von einem Schlichtungsverfahren, bei dem die Betroffenen auf ganz pragmatischer Ebene Vereinbarungen treffen, von denen alle mehr als von einer Konflikteskalation profitieren. Neuanfang bedeutet, dass geschwundenes oder gar zerstörtes Vertrauen wieder aufgebaut wird. Wir trauen einander wieder. Wir können uns wieder aufeinander verlassen anstatt uns zu verlassen. Zumindest sind wir wieder zu neuen Erfahrungen bereit, die das Potential haben, neues Vertrauen zu entwickeln. Wenn ein Neuanfang das Ziel ist, dann ist die Klärung der Weg dorthin. Klärung heisst, es wird ehrlicher, wir stehen zu dem, was wir im Augenblick empfinden und stellen uns dem, was wir im anderen ausgelöst haben. Dieser Weg weckt bei manchem Befürchtungen, oder löst zumindest Respekt aus - denn wer weiss schon was geschehen wird, wenn ich sage, wie's mir wirklich geht? Und was ich wohl zu hören bekomme? Droht erneute Verletzungsgefahr? Wird am Ende nicht alles nur noch schlimmer? Keine gute Ärztin wird eine Wunde schliessen, bevor sie gereinigt ist. Nicht anders in der Klärungshilfe.

In der professionellen Klärungshilfe wird dem vorhandenen "Dreck in der Wunde" all die Aufmerksamkeit geschenkt, die nötig ist, um ihn entfernen zu können - aber auch nicht mehr. Als Dreck werden häufig Vorwürfe, Angriffe, Intrigen etc. empfunden. Der Stachel in der Wunde muss gezogen werden - das heisst erlittene Verletzungen müssen ausgesprochen und einfühlsam gewürdigt werden, damit auf neuem Grund ein gemeinsamer Weg fortgesetzt werden kann. Pauschale Vorwürfe ("Du...immer ... nie...!") werden in konkrete Wünsche und Bitten umgewandelt ("Ich bitte dich ...", "Was brauchst Du gegebenenfalls von mir, um dieser Bitte nachzukommen?"). Dieses will Klärungshilfe im Dialog ermöglichen. Mag sein, dass zunächst der schon zigmal stattgefundene Schlagabtausch nicht sofort verhindert wird - vielleicht findet er sogar zum ersten mal statt -, jedoch soll dieser durch eine stark strukturierende Gesprächsführung verlangsamt und angereichert werden mit dem Ausdruck der meist nicht geäußerten Enttäuschungen und Verletzungen, die hinter solchen Aggressionen stehen. Gelingt dies, können Wünsche und Bedürfnisse ausgesprochen werden, um sich würdevoll zu einigen, wie zukünftig die Interessen eines jeden gewahrt werden.

Es wird der für einen Neuanfang notwendige Blick auf die schmerzhaften Wurzeln der Aggressionen gewagt. Der Blick auf diese Wurzeln wird nämlich meist aus Selbstschutz dem Konfliktpartner verweigert. Warum wird er verweigert? Wir fürchten uns vor erneuter Verletzung. In einem für uns bedrohlichen Konflikt wollen wir stark und unangreifbar erscheinen. Wenn wir ehrlich miteinander schmutzige Wäsche waschen, wird den meisten bang. Wir bekommen Angst. Angst vor dem was ans Licht kommt, Angst davor, was wir mit unseren eigenen Reaktionen beim anderen auslösen, Angst vor dem Verlust der Kontrolle über die Situation und den Bildern, die sich andere von uns machen. 

In einer festgefahrenen und eskalierten Situation wird aufgrund dieser Ängste die wahrhaftige Auseinandersetzung zum Nadelöhr ins Land der Lösungen. Hier kommt der professionelle Klärungshelfer ins Spiel. Er fädelt sozusagen den roten Faden der Konfliktklärung ein, weist den Weg durchs Nadelöhr und ist Hüter der ehrlichen und vollständigen Auseinandersetzung. In meiner Arbeit orientiere ich mich an Christoph Thomann, der die Methode der Klärungshilfe in diesem Sinne entwickelt und in seinen Büchern ausführlich beschrieben hat. Wenn der Wunsch nach Konfliktklärung besteht, empfehle und unterstütze ich die offene Aussprache und Auseinandersetzung, weil ich immer wieder erlebe, dass kein Weg an ihr vorbeiführt, wenn die Konfliktpartner - so schwierig es sich für sie auch gerade anfühlt - wieder wirklich zueinander finden wollen oder zumindest befähigt sein wollen, miteinander die anstehenden praktischen Probleme zu lösen. Hier braucht es auch Klarheit darüber, was erreicht werden soll. Im beruflichen Kontext müssen wir uns nicht mögen, auch wenn es schön wäre. Es reicht, dass wir wieder respektvoll zusammenarbeiten und uns durch unsere Verschiedenheit nicht unnötig behindern. 

Was ist Klärungshilfe in ihrem Kern? Kernstück der Klärungshilfe ist der von Christoph Thomann sogenannte "Dialog der Wahrheit". Ich spreche hier lieber von "wahrhaftigem Dialog" - weil es darum geht, einander mitzuteilen und auch respektvoll zuzumuten, wie wir unsere Zusammenarbeit derzeit erleben - und aus welchen Gründen. Wenn es tatsächlich um die Feststellung von Wahrheit geht, wie zum Beispiel: "Liegt hier eine Datenfälschung vor oder nicht?" - dann wird ein Verfahren initiiert, mit dem Sachverständige die Sachlage begutachten.

Es geht im wahrhaftigen Dialog nicht um eine moderne Form des Duellierens im Beisein eines Profis, sondern um weit mehr. Wie schon erwähnt, liegt erfahrungsgemäss jeder Aggression auch ein erlebter Schmerz bzw. eine erlittene Verletzung zugrunde, die aber gerade in Konfliktsituationen als solche nicht mehr gezeigt wird. Meine Verletzung und meinen Schmerz zeige ich allenfalls in einer geschützten Situation, also nur da wo ich das Vertrauen habe, dass mit meiner Offenheit nicht Schindluder getrieben wird. Im Gegensatz hierzu werde ich in einer bedrohlichen Situation - und als bedrohlich werden ernsthafte Konflikte immer erlebt - eher nur indirekt meinen Schmerz zum Ausdruck bringen, zum Beispiel mit einem Vorwurf, einem Gegenangriff, eben mit Aggression. In kalten Konflikten zeige ich noch nicht einmal mehr offene Aggression sondern nur noch die sprichwörtliche kalte Schulter. Und das ist der Motor, der die Eskalationsspirale eines Konfliktes in Gang hält. Erlittener Schmerz erzeugt Rachegelüste, die, wenn sie ausgelebt werden, zu Verletzungen auf der anderen Seite führen, die wiederum Aggressionen erzeugen und so fort. 

Der Ausstieg aus diesem Teufelskreis der gegenseitigen Verletzungen, in dem sich jeder nur als Opfer der Aggressionen des anderen sieht, kann auf emotionaler Ebene nur über die mitfühlende Würdigung des zugefügten Schmerzes und die Annahme des eigenen Schmerzes sein - bei gleichzeitigem Verzicht darauf, es dem anderen heimzuzahlen. Gelingt die Aussprache, steht nichts mehr zwischen den (Konflikt-)Partnern, denn jeder hat alles gesagt, was es zu sagen gibt - und nicht nur das - er hat auch spüren können, wie der andere fühlt. Wenn das zur Trennung (oder innere/tatsächliche Kündigung) führen sollte, dann wäre es eine Illusion zu glauben, der Verzicht auf die Aussprache hätte eine Trennung verhindert. Allenfalls kann eine Trennung durch Verschweigen verzögert werden. 

Das Verschweigen schwieriger Gefühle höhlt auf Dauer die Beziehung aus - auch die Arbeitsbeziehungen - , denn wann immer ich etwas nicht ausspreche, was mich aber in Bezug auf den anderen wesentlich bewegt, gehe ich zwangsläufig aus dem Kontakt, trete nicht in Beziehung, vermeide Nähe. Dieses Unausgesprochene macht das Fundament unserer (Arbeits- )Beziehung porös und bei schwelenden Konflikten zunehmend brüchig. Der Zusammenbruch unserer Beziehung ist also bei chronischem Verschweigen von unangenehmen Wahrheiten nur eine Frage der Zeit. Wenn hier von Beziehung die Rede ist, dann meine ich damit sowohl freundschaftliche wie auch Geschäftsbeziehungen, die nur dann sinnvoll sind, wenn man aufeinander bauen kann. Werde ich in der Rolle des Klärungshelfers angefragt, geht es darum - im Bild gesprochen -, die entstandenen Hohlräume wieder mit Erfahrungen der ehrlichen Begegnung füllen zu lassen und auf diese Weise die Beziehung wieder auf ein stabiles Fundament zu stellen.

Die offenherzige Aussprache mag sinnvoll erscheinen - und doch birgt sie die Gefahr der erneuten Verletzung, der unkontrollierten Eskalation und überfordert den ein oder anderen Konfliktpartner. Worauf kommt es also an, wenn wir die Rolle des Klärungshelfers übernehmen? 

Die Aufgabe des Klärungshelfers ist es - gleich einem Sprengmeister - eine kontrollierte Explosion in einem geschützten Rahmen zu ermöglichen. In meiner Rolle als Klärungshelfer biete ich mit einer grundsätzlich wertschätzenden und akzeptierenden Haltung gegenüber allen beteiligten Parteien und einem klar strukturierten Vorgehen den tragfähigen Boden für eine emotionale Aussprache, die nichts beschönigt, damit es danach auf ehrliche Weise besser werden kann. 

Wertschätzung wird hier nicht als oberflächliche Freundlichkeit verstanden, sondern als eine Haltung, in der sich die Konfliktpartner ernst nehmen, und zwar dadurch, dass sie sich ihre Wahrheit zumuten und sich gleichermaßen der Wahrheit der anderen stellen. Erst wenn die in aufgestautem Ärger oder Unmut negativ gebundene Energie wieder freigesetzt ist und das darunter verborgene Schmerzliche (Enttäuschungen, Verletzungen) nicht nur nachvollziehbar sondern auch nachfühlbar geworden ist, steht diese Energie wieder für eine konstruktive und kooperative Lösungssuche zur Verfügung. Deshalb muss ich als Klärungshelfer der Versuchung widerstehen, der eigenen Sehnsucht nach Harmonie nachzugeben - etwa durch den verfrühten Einsatz verschiedenster lösungsorientierter Formulierungen, die zum Zeitpunkt der Konfliktklärung wie die Wundsalbe beim Säubern der Wunde ein Kunstfehler wäre. 

Bei der Klärungshilfe geht es vor der Lösungssuche darum, vorhandene Emotionen zum Ausdruck zu bringen, also auch die aggressiven Emotionen nicht auszuklammern. Aber die Klärungshilfe bleibt nicht dabei stehen. Die schmerzhaften Wurzeln, die zur Aggression geführt haben, werden ebenfalls beleuchtet. Der Schmerz unter der Aggression muss auch ans Licht, damit für die jeweils andere Partei nicht nur nachvollziehbar ("im Kopf") sondern vor allem nachfühlbar ("im Herz"/"im Bauch") wird, was die bisherige Konfliktgeschichte für den anderen emotional bedeutet hat. So erfuhr ein Abteilungsleiter erst in einer Konfliktklärung von seinem Kollegen, mit dem er sich schon seit zwei Jahren in einer Art kalten Krieg befand, dass dieser eine Äußerung im Beisein des Vorstands als Gesichtsverlust empfunden hatte. Mit der ehrlichen emotionalen Resonanz des Kollegen ("Jetzt kann ich nachvollziehen, was meine Äußerung für sie bedeutet haben muss") wurde die Wende hin zu der Entwicklung einer neuen Form der Zusammenarbeit vollzogen. (Für den Abteilungsleiter gab es interessanterweise ebenfalls ein Erlebnis mit dem Kollegen, das er als ähnlich kompromittierend erlebt hatte, und diesem dann anschließend auch mitteilte).
 

Zusammenfassend kann der Ansatz der Klärungshilfe folgendermaßen beschrieben werden:
 

Über die ehrliche und vollständige Auseinandersetzung (vollständig heißt: nicht nur Schlagabtausch, sondern auch die hinter den gezeigten Aggressionen erlebten Enttäuschungen, Verletzungen) können wir wieder zueinander finden - aber nur, wenn der Schmerz hinter den Aggressionen vom jeweils anderen glaubhaft gewürdigt, d. h. mitgefühlt wird. Dieser Ansatz erfordert neben einer sauberen Auftrags- und Rollenklärung, dass der Klärungshelfer sich im Dialog der Wahrheit nicht aufgrund eigener Ängste vor schwierigen Gefühlen zum Verbündeten jener Kräfte machen lässt, die um des lieben Friedens willen ein schnelles Pflaster suchen. 

Der Klärungshelfer ist systemisch orientiert. Zur Erklärung entstandener Konflikte - sofern dies nach dem "Dialog der Wahrheit" noch erforderlich ist - bedient er sich zirkulärer Erklärungsmodelle ("wie haben alle Beteiligten es geschafft, den entstandenen Teufelskreis aufrechtzuerhalten?"), liefert aber keine Antwort auf die Frage: "Wer ist schuld?" (lineares monokausales Denken). Statt dessen hilft er wahrnehmen und klären, was sich an Bildern, Vorurteilen und emotionalen Reaktionen zwischen die Konfliktparteien geschoben hat und den Kontakt verhindert, der für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit notwendig ist. Er vertraut auf das Prinzip:
 

Nur das, was wirklich wahrgenommen und gewürdigt ist, verändert sich.
 

Der Klärungshelfer ist nicht neutral. Er ist allparteilich. Er verbündet sich mit allen, damit jeder zu Wort kommen kann und sich zumindest von einem im Raum vertreten und verstanden fühlt - bei aller Widersprüchlichkeit, die solch eine Allparteilichkeit in einem Konflikt mit sich bringt. Es geht aber bei der Allparteilichkeit nicht darum, jedem zu sagen: "Du hast Recht", sondern jedem die Chance zu geben, für andere nachvollziehbar zu machen, wie sich der Konflikt aus seiner Sicht darstellt und was er dazu fühlt.

Praktische Hinweise für das Führen von Klärungsgesprächen in der Rolle der Führungskraft siehe auch folgenden Link:

Moderation von Konfliktklärungen


Als Klärungshelfer garantiere ich nicht, dass eine (Arbeits-)Beziehung wieder besser wird, sondern helfe zu klären, ob es noch Potential gibt, die Beziehung auf erfreulichere Weise als bisher fortzuführen - und was es braucht, damit dieses Potential realisiert werden kann. Das Ergebnis einer Klärungshilfe kann auch sein, dass klar wird, dass es dieses Potential nicht mehr gibt. Für diesen Fall finden sich hier ein paar Anregungen:

Die Kunst, schlechte Nachrichten zu überbringen - und zu überleben

 


 

Literatur 
 

  • Pörksen, Bernhard; Schulz von Thun, Friedemann: Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik. Hanser Verlag, 2020.
  • Thomann, Christoph; Schulz von Thun, F.: Klärungshilfe 2: Konfliktklärung im Beruf: Methoden und Modelle klärender Gespräche, 2004



 

 


 

Weblinks